Ruhr-Gymnasium Witten

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150 Jahre Geschichte: Das Ruhr-Gymnasium im Spiegel der Zeit

1860 – 1914

Die Geburtsstunde des Wittener Ruhr-Gymnasiums im Jahre 1860 liegt in der zeitlichen Epoche, in der sich Witten im Rahmen der im Ruhrtal beginnenden und stetig zunehmenden Industrialisierung langsam von einem Dorf zu einer (größeren) Stadt entwickelte (zum Vergleich: 1861 hatte Witten 7931 Einwohner, 1905 bereits 35.841 Einwohner). Im Rahmen dieses Stadtwerdungsprozesses ergab sich in Witten der Bedarf nach einer Schule, die Kindern aus dem Bürgertum die Vermittlung von »klassischer Bildung« mit dem Abschluss des Abiturs ermöglichte.

 

In den Jahren 1910/11 wurde das Gebäude noch einmal erweitert: Zusätzliche Klassenräume, eine neue Aula (im Krieg zerstört), eine eigene Turnhalle (die heutige kleine Turnhalle), Vorbereitungs- und Arbeitsräume für Physik und Chemie und zwei geräumige Zeichensäle. Auf die damalige Art des Unterrichtens und auf die Persönlichkeiten der Lehrer kann hier nicht näher eingegangen werden, gleichwohl vermittelt uns das folgende zeitgenössische Zitat des Reformpädagogen Kurt Zeidler ein zeittypisches Lehrerbild: „Der Lehrer wurde uns zum Sinnbild jener großen, fremden, drohenden Macht, der wir ausgeliefert waren mit Haut und Haaren – ein Gefühl, gemischt aus Furcht, Hass und grenzenloser Verehrung. Wurde auch manche Faust in der Tasche gegen ihn geballt, war er die Ursache mancher jungen Bitternis und argen Not, ließ im Grunde keiner etwas auf ihn kommen, alle wussten seine harte Pflichttreue und rücksichtslose Gerechtigkeit zu schätzen und gewöhnten sich daran, seine herbe Strenge in Kauf zu nehmen."

 

Die danach immer zahlreicheren Klassen mussten zunächst in verschiedenen angemieteten Quartieren untergebracht werden: Neben den Räumen an der Nordstraße wurden andere Gebäude an der Post-, Bahnhof-, sowie Ecke Breite/ Wideystraße unterrichtlich genutzt, der Turnunterricht wurde im „Borgmannschen Saal“ an der Ruhrstraße abgehalten. Um dieser räumlichen Zerstreuung des Schulbetriebs entgegen zu wirken, ließ die Stadt in den Jahren 1867/68 ein neues Gebäude an der Ecke Breite/ Kurze Straße (heute Synagogenstraße) errichten, das noch heute das Hauptgebäude des Ruhr-Gymnasium ist (heutiger B-Bereich): Neben Wohnungen für Rektor und Schuldiener verfügte das neue Gebäude über 12 Klassenräume und eine Aula. 1879 kam eine Turnhalle hinzu, der Schulhof wurde durch einen Grundstückkauf erweitert. In den Jahren 1897/98 wurde ein architektonisch dem Hauptbau ähnelnder Flügelbau an der Kurze Straße angefügt (der heutige C-Bereich). Das Schulgebäude demonstrierte mit seiner repräsentativ wirkenden Architektur das Selbstbewusstsein des Bürgertums, das hier seine Kinder unterrichten ließ. Zusammen mit der 1885 erbauten Synagoge, die 1938 in der Reichs-Pogromnacht zerstört wurde, war die Schule ein erhabener Anblick.

 

Gymnasien waren im 19. Jahrhundert die einzigen Schulen, in denen Schüler das Abitur ablegen konnten. Während heute das Abitur als Schulabschluss weit verbreitet ist, war dieses im 19. Jahrhundert einer sehr kleinen »Elite« von Schülern aus dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten (für den Besuch eines Gymnasiums musste Schulgeld gezahlt werden). Da in der damaligen Zeit hauptsächlich Jungen das Gymnasium besuchten, war das heutige Ruhrgymnasium ein reines Jungengymnasium (1877 wurde als Pendant das heutige Schiller-Gymnasium als »Höhere-Töchter-Schule« gegründet).

Doch nun zur Entstehung des Ruhr-Gymnasiums: Schon im Jahre 1844 hatte ein Pfarramtskandidat in Witten eine Privatschule (eine sogenannte Lateinschule) eröffnet, einklassig, aber aus mehreren Abteilungen bestehend. Diese Schule entsprach bald nicht mehr den Zeitanforderungen. Deshalb kam es, auf zunächst private Bestrebungen hin, zur Einrichtung einer sogenannten »Höheren Stadtschule« durch den Magistrat der Stadt Witten. Diese nahm am 23. April 1860 den Unterricht mit einer Klasse von 20 Schülern auf. Sie konnte von Knaben aller Konfessionen besucht werden, was in der damaligen Zeit durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Dafür wurden zunächst drei Lehrerstellen eingerichtet. Als Schulhaus wurde ein am Kirchplatz der Johanniskirche gelegenes Fachwerkhaus gemietet. Da die Schule in den folgenden Jahren stetig wuchs, musste sie 1865 in das Erdgeschoss eines Neubaus in der Nordstraße umziehen. Im gleichen Jahr wurde der erste Rektor (damaliger Titel des Schulleiters), Dr. Zerlang, ernannt, der die Schule bis 1891 leitete. Die erste Abiturprüfung in der Geschichte der Schule im Sommer 1883 hatten alle vier Prüflinge bestanden.

 

1914 – 1945

Im Ersten Weltkrieg fielen zwei Lehrer und 153 ehemalige Schüler des Gymnasiums. Während der Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen im großen Krisenjahr 1923 musste die ganze Schule zeitweise für die französischen Besatzungstruppen geräumt werden. Lehrer und Schüler erhielten das Lyzeum (heutiges Schiller-Gymnasium) zur Mitbenutzung, einige Klassen waren noch bis 1929 in der Breddeschule untergebracht.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde dann eine strikte Vereinheitlichung des gymnasialen Schulwesens diktiert in Richtung auf die als »Hauptform« bezeichnete Oberschule, mit der Gabelung der Oberstufe in einen sprachlichen und einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig. Insgesamt erfuhr die Qualität der Bildungsvermittlung in der Zeit des Dritten Reiches – wie an allen Schulen Deutschlands – eine erhebliche Verschlechterung, weil nahezu alle Fächer von der ebenso geistig einengenden wie menschenverachtenden Weltanschauung der Nationalsozialisten inhaltlich durchdrungen wurden (hervorzuheben ist hierbei vor allem die primitive Rassenideologie).

 

Am 9. November 1938 wurde die Synagoge, die sich einst direkt neben der Schule befand, durch die örtlichen Nationalsozialisten zerstört. Die Vernichtung dieses schönen Gebäudes fand im Rahmen einer fanatischen Zerstörungs- und Gewaltorgie gegen Juden in ganz Deutschland statt, die direkt von Hitlers Propagandaminister Goebbels ausging. Wie man in Witten im angrenzenden Jungengymnasium auf diese Verbrechen reagierte, ist heute kaum noch rekonstruierbar. Vermutlich waren – analog zum übrigen Deutschland – Gleichgültigkeit oder Entsetzen die meist verbreitetsten Reaktionen.

Der Verlauf des Zweiten Weltkriegs brachte zunehmend Einschränkungen des Unterrichtsbetriebs mit sich: Das Kollegium schrumpfte mehr und mehr durch Einberufungen, die älteren Schüler wurden in zunehmendem Maße als Flakhelfer eingesetzt. Im Juli 1943 wurde die „Oberschule für Jungen“ nach stetig zunehmenden Bombenangriffen der Alliierten auf Städte des Ruhrgebiets in das als »sicher« geltende Konstanz am Bodensee verlegt, das Kollegium wurde aufgeteilt: 10 Lehrkräfte begleiteten die jüngeren Schüler nach Konstanz, zur unterrichtlichen Versorgung der Luftwaffenhelfer blieben 5 Lehrkräfte zurück. Allerdings fiel der Unterricht an der »Heimatfront« von Ende 1944 bis Mitte 1945 meist aus. Im Zweiten Weltkrieg fielen insgesamt vier Mitglieder des Kollegiums. Die Zahl der nicht zurückgekehrten ehemaligen Schüler konnte nie ermittelt werden. Allein aus den 7 Abiturjahrgängen von Ostern 1937 bis Ostern 1943 (also von denen, die direkt von der Schulbank in den Krieg zogen) waren es nachweislich mindestens 80, die Gesamtzahl liegt wahrscheinlich deutlich höher. Im Dezember 1944 wurde durch einen Bombenangriff die Aula völlig zerstört, das übrige Gebäude wurde erheblich beschädigt. Beim letzten schweren Angriff auf Witten im März 1945 blieb der Rest nur wie durch ein Wunder vor der völligen Vernichtung bewahrt.

 

1945 bis in die Gegenwart

In den unmittelbaren Nachkriegsjahren litt der Schulbetrieb unter erheblichen Entbehrungen: Es erfolgte die allmähliche Rückkehr der Schüler aus Süddeutschland, die mühsame Entfernung der Trümmer des Schulgeländes, die Reparatur der schlimmsten Bauschäden, die schrittweise Wiederaufnahme des Unterrichts ab Januar 1946.

Mit Beginn des Schuljahres 1949/50, parallel zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der allgemeinen Rückkehr zu stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen konnte auch am Städtischen Gymnasium Witten der Unterrichtsbetrieb wieder voll aufgenommen werden. In den 50er Jahren, in der Zeit des »Wirtschaftswunders « wuchs die Schule erheblich: Die lange eingehaltene Zweizügigkeit musste aufgegeben werden, 1959 gab es 23 Klassen. Das machte eine beträchtliche Erweiterung des gesamten Gebäudekomplexes notwendig, die nach langer Planung in den Jahren 1959-61 in die Wirklichkeit umgesetzt wurde. Es entstanden: Ein Anbau an den Baukörper an der Kurze Straße (heute mit den Fachräumen für Erdkunde und Musik), größere Erweiterungsbauten an der Breitestraße (u.a. der A-Bereich), insgesamt 14 zusätzliche Unterrichtsräume, eine neue Aula und eine neue Turnhalle. Unter solcherart erfreulichen Umständen konnte die Schule im Frühjahr 1960 ihr 100-jähriges Bestehen feiern.

 

Die 70-er Jahre brachten noch einmal einen großen umfassenden Wandel mit sich. Ab dem Jahr 1971 war das bisherige Jungen-Gymnasium nunmehr auch für Mädchen zugänglich und es erhielt seinen heute noch gültigen Namen Städtisches Ruhr-Gymnasium Witten. Der Wandel, der hier aber besonders hervorgehoben werden soll, war der in zahlreichen Geschichtsbüchern immer wieder zitierte gesellschaftliche Wandel, der im Wesentlichen von der 68er Generation angestoßen wurde und der auch an den Schulen – natürlich – nicht spurlos vorbei ging. Bei einem Vergleich des Habitus heutiger Lehrer (auch des Ruhr-Gymnasiums) mit der oben zitierten Beschreibung des deutschen Lehrers von Kurt Zeidler werden die Veränderungen innerhalb der Schule bereits mehr als deutlich. Während 1951 die Westdeutschen in Umfragen »Gehorsam und Unterordnung« als ihre wichtigsten Werte angaben, so waren dies bereits Anfang der 70er Jahre die Werte »Selbständigkeit und freier Wille«. Dieses eindrucksvolle Beispiel mentalen Wandels verdeutlicht auch die Veränderungen, die der Schule seitdem widerfuhren: Zum einen gab es nun neue Lehrpläne, die fortan Selbständigkeit, Kritikfähigkeit und Kreativität der Schüler statt reines Auswendig lernen in den Mittelpunkt stellten (Aufgabenstellungen wie »diskutiere den Sachverhalt« oder »nimm kritisch Stellung« nahmen nun in Schulbüchern in manchmal fast übertriebener Weise zu). Zum anderen: Das schulische Lernen, das bis dato ausschließlich von einem Frontalunterricht geprägt war, wurde durch »moderne Methoden« wie Gruppenarbeit oder Stationen-Lernen ergänzt. Auch das äußere Erscheinungsbild des Lehrers veränderte sich in einem unverkennbaren Maße: Vergleicht man Kollegiums-Fotos des Ruhr-Gymnasiums aus den 50-er Jahren mit denen aus den 80-er Jahren oder aus der Gegenwart, so fällt auf, dass kurze Haare und stramme Scheitel unkonventionellen Kurzhaar- oder sogar teils zotteligen Langhaarfrisuren gewichen sind. Ebenso mussten Schlips und Maßanzug dem heute fast allgemein üblichen schlaksigen Pullover-Jeans-Outfit Platz machen. Kurz: Das Ruhr-Gymnasium ist im Laufe der Jahre zu einer nach heutigem Verständnis »völlig normalen Schule« geworden.

Zum Schluss dieses geschichtlichen Überblickes soll noch einmal auf bauliche Veränderungen und Verschönerungen des Schulgebäudes hingewiesen werden: Im Jahr 1981 wurde nach einem weiteren erheblichen Anwachsen der Schülerzahlen der neue Naturwissenschaften-Trakt (D-Bereich, auch »Spangenbau« genannt) eröffnet. Im Sommer 2009 und 2010 gaben Lehrer und vor allem die Schülerinnen und Schüler in mehreren Projekttagen dem »alten Kasten« Ruhr-Gymnasium zum 150-jährigen Jubiläum mit Pinsel und Farbe (und manch anderem Material) ein frisches, neues »Outfit«.